Mediziner über Long Covid: "Es ist noch viel Aufklärung notwendig"

Mediziner über Long Covid: "Es ist noch viel Aufklärung notwendig"

Neue Volkskrankheit?

Eine Infektion mit dem Coronavirus kann selbst bei milden Verläufen weitreichende Folgen haben. Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Long Covid. Doch die Diagnose gestaltet sich schwierig. „Die Symptome sind diffus und es gibt bisher noch keine Biomarker, also Standardtests, die verwendet werden können“, erklärt Prof. Dr. Martin Korte, Autor des Buches „Long Covid – wenn der Gehirnnebel bleibt“ (DVA). Im Bereich Aufklärung sieht der Mediziner noch Handlungsbedarf: „Nicht nur, um über die Folgen einer Infektion zu informieren, sondern auch um Patienten vor Diffamierung und Stigmatisierung zu schützen.“ Vor allem eine Betroffenengruppe wird häufig nicht ernst genommen.

Prof. Dr. Martin Korte: Ja, vor allem durch die chronischen Entzündungsprozesse im Gehirn. Diese erhöhen das Risiko neurodegenerativer Erkrankungen, wie Alzheimer oder Parkinson. Dies kann man im Moment noch nicht abschließend beurteilen, aber es macht mir große Sorge, dass in 10 bis 20 Jahren eine verstärkte Alzheimer-Welle auf uns zukommen könnte. Denn wir müssen schon aufgrund der Alterspyramide davon ausgehen, dass die Alzheimer-Zahlen sich bis zum Jahre 2050 mindestens verdoppeln werden. Wenn noch durch Long Covid Hunderttausende dazu kämen, wäre das eine Katastrophe.

Korte: Schwer zu sagen. Es ist viel häufiger verbreitet, als man am Anfang vermutet hatte. In Großbritannien, wo es bessere Daten als in Deutschland gibt, konnte man zeigen, dass in den letzten zweieinhalb Jahren konstant eine Million Menschen von Long Covid betroffen waren – das hat die Dimension einer Volkskrankheit. Die Hoffnung ist nur, dass, wenn immer mehr Menschen geimpft sind und einen guten immunologischen Schutz aufbauen, die Durchbruchinfektionen zu immer milderen Verläufen führen und damit auch die Long-Covid-Gefahr nicht vermieden, aber abgesenkt werden kann.

Korte: Die Symptome sind diffus und es gibt bisher noch keine Biomarker, also Standardtests, die verwendet werden können. Ersten Hinweisen eines abgesenkten Cortisol-Spiegels und einer erhöhten Konzentration von speziellen Signalmolekülen des Immunsystems wie Il-8 sollte man dringend nachgehen. Es gibt auch eine gewisse Überschneidung zwischen Autoimmunerkrankungen und Long Covid. Bei diesen Krankheiten ist die Diagnose oft schwierig.

Korte: Ja, wie immer, wenn es ein neues Krankheitsbild gibt. Immer mehr Ärzte und Pflegepersonal sind an Schulungen interessiert. Aber dafür brauchen wir mehr Grundlagenforschung, um die verschiedenen Ursachen für die sehr unterschiedlichen Symptome genauer differenzieren zu können. Zudem müssen neue Therapieformen entwickelt werden.

Korte: Wichtiger denn je. Nicht nur, um über die Folgen einer Infektion zu informieren, sondern auch um Patienten vor Diffamierung und Stigmatisierung zu schützen. Eine Studie von Aya Sugiyama von der Hiroshima-Universität in Japan zeigt, dass Long Covid-Patienten, vor allem Frauen, bis ins Jahr 2022 hinein in 43 Prozent der Fälle als wehleidig stigmatisiert, diskriminiert oder in ihren Symptomen nicht ernst genommen wurden. Das wird, zumindest in Deutschland, zurzeit besser. Aber es ist noch viel Aufklärung notwendig.

Korte: Das ist schwer vorherzusagen. Es kann drei bis fünf Jahre dauern, wenn man die Anstrengungen in der Forschungsförderung verstärkt und zudem Glück hat, dass vorhandene Medikamente gegen Thrombenbildung im Blut oder gegen Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden können. Auch eine erfolgreiche Impfung gegen den Epstein-Barr-Virus würde wohl schon viele Long-Covid-Fälle von Anfang an verhindern. Wenn man das Problem allerdings nicht ernst nimmt oder gar ignoriert, werden keine neuen Diagnose- und Therapieformen entwickelt.

Prof. Dr. Martin Korte ist Professor für Neurobiologie an der TU Braunschweig. Er forscht auch am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig und gehört zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands.

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