Die Sex-Kolumnistin, die über Masturbation kichert

„Sex and the City“ ist zurück. Doch das Reboot der Kultserie mutet überladen an, die Charaktere wirken affektiert und Carrie Bradshaw wie eine Parodie ihres früheren Ichs. Auch Masturbation ist ein Thema. Zu viel für die Sex-Kolumnistin.

Groß waren dementsprechend die Erwartungen, aber auch die Freude auf das Reboot. Doch schon die erste Folge bleibt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dabei haben die Macher sowie die Hauptprotagonisten im Grunde vieles so gemacht wie damals. Dennoch fühlt es sich plötzlich weniger authentisch an. Und das liegt gewiss nicht daran, dass man versucht, mit der Zeit zu gehen und beispielsweise mehr Diversität präsentiert.

Carrie Bradshaw hatte schon immer einen ausgefallenen Stil, eine Mischung aus Vintage kombiniert mit Designer-Roben. Nun, in ihren Fünfzigern, wirkt sie nur noch wie eine Parodie ihres früheren Ichs. Alles an ihr ist überladen: das Outfit, die Haare. Selbst als Fan der ersten Stunde fremdelt man mit ihrer Art. Und vielleicht ist da auch dieser Hauch von Affektiertheit, der den Zuschauer mit ihrer Rolle nicht mehr warm werden lässt.

„Es gibt Wichtigeres auf der Welt, als jung auszusehen“

17 Jahre später: Die Freundinnen leben noch immer in New York City. Carrie wohnt mit ihrem Göttergatten Mr. Big (Chris Noth) zusammen, hat aber immer noch ihre alte Wohnung. Miranda (Cynthia Nixon) pfeift auf den Jugendwahn und hat jetzt graues Haar. Und das, obschon vor allem Charlotte (Kristin Davis) sich wünscht, sie möge doch bitte bald wieder rothaarig werden. Darauf Miranda: „Es gibt Wichtigeres auf der Welt als jung auszusehen.“

„And Just Like That …“: Miranda (Cynthia Nixon), Carrie (Sarah Jessica Parker) und Charlotte (Kristin Davis) in einer Szene des „Sex and the City“-Nachfolgers. (Quelle: Sky/dpa)

Und doch versucht die Serie auf ganzer Strecke hip und jugendlich zu wirken, so dass vieles ob der Fülle nur noch aufgebläht wirkt. Etwa wenn Carrie von ihrem Instagram-Account erzählt, oder die Sex-Kolumnistin, als die sie bekannt wurde, plötzlich peinlich betreten zu Boden blickt, als sie in einem Podcast gefragt wird: „Warum sieht man in der U-Bahn keine Frauen, die masturbieren?“ Und: „Masturbierst du?“

„Du musst deiner Pussy ’nen Schubs geben!“

Masturbation: Man wird das Gefühl nicht los, dass alles getan wird, um dieses Wort in kürzester Zeit sehr oft zu sagen. Und weil Carrie sich ein wenig ziert, die Frage ad hoc zu beantworten, folgt schließlich der Ratschlag: „Du musst deiner Pussy ’nen Schubs geben!“ So scheint es nötig, Mr. Big (67 Jahre) zu fragen, ob er vor ihr „masturbieren könnte“, denn „Masturbation am Nachmittag ist wie eine kleine Matinee“.

„And Just Like That“ soll auch eine Art Befreiungsschlag für die Frauen sein, das Alter und jedes Lebensjahrzehnt zu feiern. Aber noch immer tragen die Freundinnen, die inzwischen teils auf die 60 Jahre zugehen, Anwältinnen sind, erfolgreiche Autorinnen und Mütter, den ganzen Tag über unbequeme High Heels. So sieht man vor allem Miranda auf extrem hohen Schuhen buchstäblich durch die Gegend humpeln.

Dabei möchte man nichts anderes, als mit den Protagonisten mitfühlen und mitfiebern, die aber leider oft einfach nur, um es mit einer Phrase von Wolfgang Joop zu sagen, „over the edge“ sind.

„Für ewig Freundinnen bleiben“

Die Ladys sind älter geworden, aber ihre Charaktere sind nicht gereift. Ihr Lachen mutet künstlich an, die Dialoge wirken gestellt und die Witze über Corona, das auch in New York wütete – vor allem in New York –, sind einfach nur deplatziert. Indes ist Charlottes und Mirandas Nachwuchs groß geworden. Und Samantha hat nach wie vor kein Interesse, sich bei Carrie zurückzumelden: „Ich habe gedacht, dass wir für ewig Freundinnen bleiben.“ Diese Gedanken hatte auch der Zuschauer. Doch schon nach der ersten Folge, die an so gut wie keiner Stelle organisch wirkt, überlegt man, es Samantha gleichzutun.

Einzig berührend ist das Wiedersehen mit Carries bestem Freund Stanford kurz vor einem Konzert von Charlottes Tochter Lily. Fans liebten seine Rolle als stets besorgter und engagierter Berater, der immer ein offenes Ohr hatte. Der US-Schauspieler Willie Garson ist im September 2021 an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben.

Vielleicht wird man in den kommenden Folgen wieder warm mit diesen einst so taffen, so liebenswert schrulligen New Yorkerinnen, die mit uns älter geworden sind, aber die in „And Just Like That“ leider so wirken, als würden sie in einer Zeitschleife um das Jahr 2000 feststecken.

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Was die Liebe zu der Kultserie betrifft, so haben wir schließlich von Carrie gelernt: Man darf die Hoffnung, dass das Fremdeln aufhört, nicht aufgeben. Vielleicht masturbiert man zwischendurch einfach in der U-Bahn. Oder mitten in einem Podcast. Oder einfach auf seinem Instagram-Account.

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