Warum Pharrell Williams bei Louis Vuitton eine Fehlentscheidung ist

Kommentar zum neuen Kreativchef

Warum Pharrell Williams bei Louis Vuitton eine Fehlentscheidung ist

von Claudia Spitzkowski

Diese Nachricht schlug in der Modeszene ein wie eine Bombe: Musiker Pharrell Williams (49) wird der neue Kreativ-Chef der „Louis Vuitton“-Männerlinie – und damit der Nachfolger des im November 2021 gestorbenen Virgil Abloh. „Wir sind hocherfreut“, schreibt „Louis Vuitton“ bei Instagram. Diese Freude wird nicht von allen geteilt – mir inklusive.

„Universelle kulturelle Ikone“ Pharrell Williams wird neuer Kreativchef bei "Louis Vuitton"

Pharrell Williams sei ein „Visionär“, dessen kreatives Universum von Musik über Kunst bis zur Mode reicht, heißt es in der Pressemitteilung. Er habe sich in den vergangenen 20 Jahren als „universelle kulturelle Ikone“ etabliert. Pietro Beccari, CEO von „Louis Vuitton“ schwärmt bei Instagram: „Ich freue mich, Pharrell wieder zu Hause willkommen heißen zu dürfen, nachdem wir bereits 2004 und 2008 zusammen gearbeitet haben.“ Damals hatte Pharrell Sonnenbrillen und Accessoires für das Luxuslabel entworfen. Im Juni 2023 werde Pharrell nun seine erste eigene Männer-Kollektion vorstellen.

Er ist sich sicher, dass mit Williams ein „neues und sehr aufregendes“ Kapitel bei „Louis Vuitton“ beginne, so Beccari. Aufregung um Pharrells neuen Job gibt es bereits jetzt genug.

Es reicht nicht, gerne in der Front Row zu sitzen, lieber Pharrell!

Mein erster Gedanke war: Wie kann LV den legendären Virgil Abloh, dessen Gespür für Zeitgeist, gepaart mit großer Menschlichkeit und überbordender modischer Kreativität, durch einen Musiker ersetzen? Pharrell Williams mag auf seinem Fachgebiet ebenfalls ein Ausnahmetalent sein (13 Grammys und zwei Oscar-Nominierungen für seine Songs sprechen eine deutliche Sprache), aber am Endes des Tages ist er ein Musiker und Produzent, der sich einfach sehr für Mode interessiert und gerne in der Front Row bei Luxus-Modemarken sitzt.

Das Hobby zum Beruf machen? Nichts gegen Quereinsteiger, jeder soll sich kreativ austoben dürfen, aber ist dieser Job bei „Louis Vuitton“ nicht eine Nummer zu groß für ihn? Das fühlt sich an, als habe man den Praktikanten, der sich immer so schön beim Brainstorming eingebracht hat, mal eben so auf den Chefsessel gesetzt, weil er „so gute Ideen“ hat.

Das Wort „Kreativchef“ setzt sich schließlich nicht umsonst aus „kreativ“ und „Chef“ zusammen. Wer auf diesem Posten sitzt, muss modisch eine klare Vision haben – und sie dann auch durchsetzen können. Bislang ist mir Pharrell modisch gesehen allerdings vor allem durch die Bermudashorts, die er zur Oscar-Verleihung trug oder dem XXL-Hut bei den Grammys im Gedächtnis geblieben.

Dass Pharrell Mode liebt, ist unbestritten. Er ist Mitbesitzer des Streetwear-Labels „Human Made“ und Besitzer der Labels „Billionaires Boys Club“ und „Ice Cream.“ Mit „Adidas“ pflegt er eine langjährige Partnerschaft und hat 2019 eine Capsule-Kollektion für Chanel entworfen. Aber natürlich muss man sich hier die Frage stellen: Verkaufen sich seine Klamotten und Accessoires, weil sie so außergewöhnlich, so kreativ, so cool sind? Oder, weil sein Name drauf steht?

Pharrells Modegeschmack: In Shorts zur Oscar-Verleihung

"Louis Vuitton" gibt jungen Mode-Talenten keine Chance

Das bringt mich zu meinem zweiten Gedanken. Es gibt unzählige junge Designerinnen und Designer, die seit Jahren hart dafür arbeiten, mit ihrem Talent gesehen zu werden. Viele von ihnen haben Mode von der Pike auf gelernt. Sie wissen, wie man entwirft, wie man mit Stoffen umgeht, sie habe einen Vision von dem, was sie der Welt von sich zeigen wollen. Sie können – ja, das mag heutzutage im Computerzeitalter fast schon verrückt klingen – Nähen! Wäre es nicht fair gewesen, ihnen die Chance zu geben? Statt einen Promi auszuwählen, der noch nicht einmal aus der Branche stammt?

Da liegt der Verdacht durchaus nahe, dass es „Louis Vuitton“ möglicherweise eher um den Namen Pharrell gegangen ist, als um dessen Talente als Designer. Es passt ja auch so schön: Dank Virgil Abloh wird die Marke „Louis Vuitton“ in der HipHop- und Musikszene wieder gehyped, die Zielgruppe ist jünger und hipper geworden. Warum dann nicht jemandem den Posten als Kreativ-Chef geben, der eines der bekanntesten Gesichter der Musikbranche ist. Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Höre ich hier vielleicht das Klingeln einer Kasse? „Louis Vuitton“ soll – auch dank Abloh – aktuell mehr als 18 Milliarden Euro wert sein.

Warum ist es wieder keine Frau geworden?

Und drittens: Warum bitte hat keine Frau dieses Posten bekommen? Pharrell reiht sich nahtlos ein unter all die männlichen Designer, die seit Jahrzehnten für „Louis Vuitton“ entwerfen. Übrigens auch für die Damenlinie. Nicolas Ghesquière trat dort 2013 die Nachfolge von Marc Jacobs an.

Andere Luxuslabel sind diesbezüglich längst im 21. Jahrhundert angekommen und haben Chefdesignerinnen: Maria Grazia Chiuri für „Dior“, Virginie Viard bei „Chanel“, Miuccia Prada bei „Prada“, Donatella Versace für „Versace“ und Sarah Burton für „Alexander McQueen“, um nur einige zu nennen.

Wenn „Louis Vuitton“ wirklich ein „aufregendes neues Kapitel“ aufschlagen möchte, wäre es in meinen Augen ein perfekter Move gewesen, endlich eine Frau an die Spitze zu lassen. Ein leider längst überfälliger Move.

Auch bei der Ernennung von Abloh gab es negative Schlagzeilen

Natürlich soll hier der Fairness halber nicht unerwähnt bleiben, dass es auch bei der Ernennung von Virgil Abloh 2018 viele (negative) Schlagzeilen gab. Der damals 37-Jährige hatte keine klassische Modeausbildung, er war gelernter Ingenieur und Architekt. Auch er war ein Quereinsteiger, hatte sich allerdings seit 2013 mit dem Streetwear-Label „Off-White“ bereits weltweit einen Namen gemacht. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger.

Um es mit Pharrells wohl bekanntesten Songs zu sagen: Nein, ich bin nicht „Happy“ und möchte vor Freude in die Hände klatschen über seinen neuen Job. Meine Botschaft an „Louis Vuitton“ wäre wohl eher: „Drop it like it’s hot“. (csp)

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