Es sind Bilder, die tagtäglich die europäischen und internationalen Medien bestimmen: Fotos, auf denen ukrainische Menschen um ihre Existenz fürchten. Zerstörte Gebäude, die vom Krieg gezeichnet sind. Kinder, die in Bunkern und U-Bahn-Stationen Schutz suchen. Doch genau diese Aufnahmen erreichen das russische Volk nicht. Aus diesem Grund hat Erik Lesser, 33, seinen Instagram-Account der ukrainischen Biathletin Anastasiya Merkushyna, 27, überlassen. Sie zeigt, wie die Menschen in ihrer Heimat derzeit den Krieg erleben.
Erik Lesser hat rund 30.000 russische Abonnent:innen auf Instagram
Am Sonntag, 6. März 2022, teilt Anastasiya gleich vier Beiträge auf der Plattform. "Hallo, mein Name ist Nastya Merkushyna, und ich möchte Ihnen den Krieg mit meinen eigenen Augen zeigen. In Zeiten von Informationskriegen ist es schwer, die Wahrheit zu finden, also habe ich meine Freunde gebeten, mir Bilder zu schicken, die sie gemacht haben", erklärt die 27-Jährige einleitend auf Russisch. Dann wendet sich die Sportlerin direkt an das russische Volk und ihre russischen Mitstreiter:innen. Es sei an der Zeit, dass sie ihre Stimme erheben, denn "wenn Sie schweigen, kostet Ihr Schweigen Dutzende von Menschenleben." Merkushyna ist sich sicher, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis auch die russischen Sportler:innen in den Krieg eingezogen werden.
https://www.instagram.com/p/Cat5UcoKiXb/
"Viele Athleten sind Offiziere der russischen Armee, und bald werden auch Sie eingezogen, genau wie wir. Sie sind empört über das Auftrittsverbot, aber wie können Sie an Wettkämpfen teilnehmen, wenn Ihr Land unseren Verwandten und Freunden Maschinengewehre an den Kopf hält?", so die 27-Jährige. Anschließend teilt sie Bilder aus der Ukraine, die bis ins Mark erschüttern.
Anastasiya Merkushyna: „Wundern Sie sich nicht, dass die Welt einstimmig für die Ukraine Partei ergreift?“
Merkushyna berichtet von brennenden Panzern und Gebäuden, die unter Beschuss stehen. "Eine Granate traf ein Nebengebäude, das nur durch ein Wunder Gottes nicht zerbrach", schreibt die Biathletin zu den Aufnahmen, die ihr ein Freund, der sich vor Ort befindet, zusendete. Anastasiya Merkushyna nutzt ihre Stimme und die von Lesser geschenkte Plattform, um wachzurütteln und um das Stillschweigen ihrer russischen Mitstreiter:innen kritisch zu hinterfragen.
Eine der letzten Aufnahmen zeigt den ukrainischen Biathleten Bogdan Tsymbal. Er liegt offenbar in seinem Keller, eingepfercht neben einem alten Regal und provisorischen Betten. Auf seiner Brust schläft ein wenige Monate altes Baby. Das zweite Bild dieses Beitrags zeigt die Nachbarschaft. Schwarzer Qualm – vermutlich von gezündeten Bomben und brennenden Gebäuden – hängt über den Häusern. "Das ist der Biathlet, den Sie kennen, den Sie vielleicht unterstützt haben, das ist der Blick aus seinem Fenster. Ich habe nichts hinzuzufügen …", schreibt Merkushyna.
https://www.instagram.com/p/CauJgV8qTnk/
Erik Lesser will seine Plattform weiterhin zur Aufklärung nutzen
Im Gespräch mit ZDF erklärte Lesser, dass dies nicht die einzige Aktion bleiben würde. Auch in den kommenden Tagen und Wochen will er sich persönlich für die Menschen in der Ukraine starkmachen. "Ich mache mir viele Gedanken, was ich persönlich machen kann", so der 33-Jährige und weiter: "[…] wenn ich etwas poste, glaubt mir das doch kein Mensch. Aber wenn Nastya ihre persönlichen Geschichten teilt, erreicht das vielleicht die Menschen."
Von den Instagram-User:innen wird der Biathlet für so viel Eigeninitiative, Mut und Aufklärung gefeiert. "Mega Aktion von einem tollen Sportler mit dem Herz am richtigen Fleck", schreibt ein Fan. Auch Kommentare von russischen Follower:innen finden sich unter den Beiträgen. Und auch wenn einige davon einen pro-russischen Tenor haben, so haben Lesser und Merkushyna ihr Ziel doch erreicht: Sie haben Bilder an Menschen übermittelt, die solche Eindrücke sonst vielleicht nie zu Gesicht bekommen hätten.
Verwendete Quellen: instagram.com, ZDF
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