"Queer Eye Germany"-Star Aljosha Muttardi: "Vor diesem Outing hatte ich am meisten Angst"

Aljosha Muttardi, 35, ist Facharzt für Anästhesie und hat sieben Jahre in einem Hamburger Krankenhaus gearbeitet. Berühmt wurde er durch seinen ironisch betitelten YouTube-Kanal "Vegan ist ungesund", den er von 2016 bis 2021 betrieb. Er setzt sich nicht nur für Veganismus, die LGBTQIA+-Community und mentale Gesundheit ein, sondern ist seit März 2022 auch Teil der sogenannten Fab Five von "Queer Eye Germany". In der Netflix-Show hilft er mit den anderen Expert:innen fünf Alltagsheld:innen dabei, ihr Leben positiv und nachhaltig zu verändern.

Damit ist Aljosha zu der Person geworden, die er als "kleines Kind gern gehabt hätte". Mit GALA spricht das Multitalent über sein Coming-out und die Narben, die das jahrelange Verdrängen seines wahren Ichs hinterlassen haben.

Aljosha Muttardi im GALA-Interview

GALA: Gab es einen bestimmten Moment in deinem Leben, bei dem du gemerkt hast, dass du auf Männer stehst?
Aljosha Muttardi: Es gab nicht einen spezifischen Tag, an dem ich es wahrgenommen habe, sondern eher viele Momente, in denen ich es verdrängt habe. Ich habe diesen Gedankengang lange gar nicht zugelassen. Als ich älter wurde und langsam sexuelle Anziehung verspürt habe, wurde es schwieriger, diesen zu ignorieren. 

Wie kam es zu deinem Coming-out?
Es war ein schleichender Prozess. Zu der damaligen Zeit fing es gerade erst langsam mit Social Media an. In meiner Welt gab es keine queeren Vorbilder, die ich verfolgen konnte und die das normalisiert hätten – oder mir die Angst genommen hätten, dass ich so wie ich bin, falsch bin. 

Während meines Studiums war ich schließlich in einen Kommilitonen verknallt. Ich habe ihn gefragt, ob wir etwas zusammen unternehmen wollen. Bei dem Treffen war ich irgendwann ziemlich betrunken. Am Ende des Abends habe ich in der Bar mit ihm rumgeknutscht.

Ich dachte: "Jetzt bin ich aufgeflogen. Jetzt weiß die Welt Bescheid." Doch dadurch hat es langsam besagten Prozess ausgelöst. Ich habe angefangen, es Freunden und Freundinnen zu erzählen. Jedes Outing hat mir ein bisschen weniger Angst vor dem Nächsten genommen.

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Es seinen Eltern zu sagen, war „der schwierige Part“

Dann hast du es deinen Eltern gesagt.
Das war der schwierige Part. Vor diesem Outing hatte ich am meisten Angst. Ich kann mich noch genau daran erinnern: Ich stand in unserem Haus oben am Treppenaufsatz, meine Eltern unten.

Ich hatte gerade mit einer Freundin telefoniert, eine Dozentin an der Uni. Ich schwärmte mal wieder von ihr. Meine Mutter hatte damals gesagt, dass ich mir immer Frauen aussuchen würde, die nicht erreichbar sind. Dann hat meine Mutter mich gefragt, ob ich auf Männer stehe – das Wort "schwul" hat sie nicht in den Mund genommen. In dem Moment habe ich mich entschieden, die Wahrheit zu sagen.

Wie haben deine Eltern darauf reagiert?
Der Tag war wirklich alles andere als schön und für mich auch sehr belastend. Es war kein schönes Outing aber heute ist Gott sei dank alles wirklich toll: Damals haben meine Eltern viel geweint und sich gefragt, wie das passieren konnte, ob sie Fehler bei der Erziehung gemacht hätten. Die typischen Fragen, die man nicht hören möchte, viele Eltern sich aber ohne Vorwissen wahrscheinlich stellen.

Es waren ein paar schwierige Wochen, schließlich hat es sich aber entspannt. Ich wusste, dass sie mich nie verletzen wollten. Ihre Reaktion war von fehlendem Bewusstsein und Stigmatisierungen geprägt. Hinzu kommt, dass mit dem Thema Sex bei uns ohnehin sehr konservativ umgegangen wurde: So klischeehaft wie das klingt, aber HIV wurde thematisiert. Das war zu viel für mich, das Coming-out hatte mir immerhin schon viel abverlangt.   

Seine Eltern stehen hinter ihm

Wie hat sich die Beziehung zu deinen Eltern entwickelt?
Meine Eltern haben noch am Tag meines Coming-outs gesagt: "Du bist und bleibst unser Sohn, wir lieben dich." Inzwischen sind sie großartige Ellis. Sie sind sehr aktiv, stehen hinter mir und der Community.

Wie kam diese positive Entwicklung zustande?
Gespräche und Aufklärung. Über Themen sprechen und sich über diese zu informieren normalisiert Dinge. Wenn Dinge als normal wahrgenommen werden, erfahren wir auch weniger Diskriminierung. Das ist genau das, was bei meinen Eltern passiert ist. Sie haben gemerkt, dass ich immer noch derselbe bin und es nichts an unserer Beziehung ändert. Im Gegenteil, ich darf endlich die Person sein, die ich bin. Ich muss mich nicht mehr verstecken oder lügen. Die Ängste und Sorgen, die sie hatten, konnte ich ihnen nehmen.

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Das Verdrängen seiner Identität hat „Narben und Selbstzweifel“ hinterlassen

Bei "Queer Eye Germany" hast du gesagt, dass du lange versucht hast, "Fußball und Bier zu mögen". Warum?
Das war Selbstschutz. Ich habe mir Eigenschaften angeeignet, damit ich normal wirke, um Diskriminierungserfahrungen aus dem Weg zu gehen.

Gleichzeitig habe ich mich gezwungen, feminine Dinge wie zum Beispiel Musik von Britney Spears, nicht zu mögen. Ich habe sogar viele schwulen- und transfeindliche Aussagen von mir gegeben, um bloß nicht damit assoziiert zu werden. Heute frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht darauf geachtet hätte, wie ich nach außen wirke.

Was hat es mit dir gemacht, deine eigene Identität nicht zu leben?
Es hat Wunden, Narben und Selbstzweifel hinterlassen. Bis heute leide ich sehr darunter, dass ich meiner Selbst sehr unsicher bin. Ich hinterfrage mich andauernd. Ich denke prinzipiell, dass ich etwas falsch gemacht habe. Wenn mir von vornherein gesellschaftlich gesagt wird, dass ich so wie ich bin, nicht richtig bin, dann internalisiert man das eben. Das ist unbewusst passiert. 

„Ich habe mich konstant einsam gefühlt“

Hat es dich psychisch belastet, deine sexuelle Orientierung zu verstecken?
Non-stop mit der Angst zu leben, bald aufzufliegen, war wahnsinnig belastend. Es ist eine existenzielle Angst. Denn ich wusste: Wenn ich auffliege, wird mein Leben nie wieder so sein wie vorher. Ich habe mich konstant einsam gefühlt, weil es einen großen Teil von mir gab, den ich allen verschwiegen habe.

Ich habe viel Zeit mit Mädchen oder Frauen verbracht, weil ich mich in ihrer Nähe sicherer gefühlt habe. In ihrer Gesellschaft musste ich den heteronormativen Standard weniger erfüllen. Deswegen wurde ich allerdings gemobbt. Die letzten zwei Jahre meiner Schulzeit war ich in einem Internat, in dem Jungs und Mädchen getrennt gelebt haben. In meinem Wohnhaus war die Atmosphäre mit toxischer Männlichkeit aufgeladen.

Wie war das für dich?
Ich habe es immer gut hinbekommen, mich recht heterosexuell zu präsentieren. Allerdings gingen bereits Gerüchte rum, dass ich schwul sein könnte. Daraufhin habe ich mein gesamtes Zimmer mit Fotos von Heidi Klum, den Olsen-Twins, Jessica Alba und Autos tapeziert.

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Du hast einst gesagt, dass es dir häufig schwerfällt, dich von den gesellschaftlichen Strukturen freizumachen. Ist das immer noch so?
Manchmal fällt es mir noch schwer. Ich war zum Beispiel neulich bei Avi (von "Queer Eye Germany") und sie hat mich gefragt, ob ich ihre High Heels anprobieren möchte. So was löst nach wie vor Angst in mir aus, ich habe es nicht gemacht. Es ist absurd, dass ich immer noch das Gefühl habe, das heterosexuelle Bild erfüllen zu müssen und dass ich meine weibliche Seite nicht richtig rauslassen darf.

„Queer Eye Germany“ schafft Sichtbarkeit

Wie bist du zu "Queer Eye Germany" gekommen und was hat dich daran gereizt?
Ich habe 2019 eine Mail von iTV bekommen, die ein wenig kryptisch war. Darin hieß es, dass offen schwul lebende Männer gesucht werden, die Lust auf ein Coaching-Format für einen großen Streamingdienst haben. Ich war sofort angetan. Als ich wusste, dass besagtes Format "Queer Eye Germany" ist, wollte ich unbedingt mitmachen.

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Was bedeutet es dir, Teil der Fab Five zu sein?
Es ist eine extreme Ehre. Es klingt sehr überspitzt, aber ich glaube, man rettet Leben damit. Viele queere Menschen, die sich nicht gesehen fühlen, leiden unter Depressionen und haben Selbstzweifel.

Die Suizidrate unter queeren Menschen ist äußerst hoch. Die Sendung schafft Sichtbarkeit und das gibt Menschen das Gefühl von Normalität und Akzeptanz – in vielen Facetten, die die queere Community zu bieten hat. Das gibt mir viel und ich hoffe, dass es anderen auch viel gibt.

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