Flucht aus der Ukraine: So rettete Motsi Mabuses Ehemann Evgenij seine Eltern

Erfahrungsbericht der RTL-Reporterin, die ihn begleitete

Flucht aus der Ukraine: So rettete Motsi Mabuses Ehemann Evgenij seine Eltern

von Bella Christophel

Am späten Donnerstagabend bekomme ich die Nachricht aus der Redaktion: Ich begleite Evgenij Voznyuk bei seiner Tour an die polnisch-ukrainische Grenze. Morgen früh gegen elf Uhr geht es los. Wir wollen Hilfsgüter abliefern, die der Ehemann von Motsi Mabuse zusammen mit seiner Frau in Kelkheim bei Frankfurt gesammelt hat. Aber es gibt noch ein anderes, viel persönlicheres Ziel: Er will seine Eltern aus dem Kriegsgebiet retten. Denn sie sitzen in Charkiw im Keller, um sich vor Bomben zu schützen. Ob das gut geht und ob wir sie an der Grenze wirklich finden? Zu diesem Zeitpunkt völlig unklar. Genauso wie all das, was uns in Polen erwartet.

Während wir nach Polen fahren, verlassen Evgenjis Eltern Charkiw

Die Aufregung, das Ungewisse und die Hoffnung: Wir sind alle sehr ruhig und fokussiert, als wir uns auf den Weg nach Polen machen. Knappe 1500 Kilometer haben wir vor uns. Wir müssen noch einen LKW mit Hilfsgütern einsammeln und Evgenijs Auto in einen kleinen Bus tauschen. So könnte er auf dem Rückweg mehr Geflüchtete mitnehmen. Ob seine Eltern dann dabei sitzen werden, kann er nur hoffen. Aber als wir von Donnerstag auf Freitag unsere Taschen packen und ein bisschen schlafen, starten seine Mutter und sein Vater gerade ihre Flucht. Sie wollen raus aus Charkiw, ihrer Heimatstadt im Osten der Ukraine. Das Ziel: Sie sollen genau zur richtigen Zeit am richtigen Grenzposten ankommen, wenn wir da sind, um sie abzuholen.

Könnt ihr Geflüchtete auf eurem Rückweg mitnehmen?

Zeit für große Pausen ist nicht, wir fahren die Nacht durch. Mein Kameramann und ich immer hinter Evgenij und dessen Beifahrer. Von dem LKW haben wir uns getrennt, damit es schneller geht. Wir sollen sie vor Ort wieder treffen. Fast siebzehn Stunden sind wir unterwegs, als wir endlich in Lubycza Królewska ankommen. Es ist stockdunkel, wir alle sind müde und wissen nicht, ob wir richtig sind, als wir eine Erstaufnahmestelle sehen. Es riecht nach frisch gekochtem Essen, trotz der Uhrzeit. Ein paar Meter entfernt stehen Zelte. Es brennt ein Lagerfeuer, an dem sich Geflüchtete aufwärmen. Auf polnisch werden wir gefragt, wer wir sind und was wir hier machen. Die Helfer passen extrem gut auf, wir dürfen unsere Kamera nicht einschalten. Die wichtigste Frage: Habt ihr Platz, um Menschen mitzunehmen, wenn ihr zurück fahrt? Nur bis zu größeren Städten in Polen, nach Deutschland trauen sich die meisten noch nicht…

Es ist nicht unsere Sammelstelle, an der wir unsere Hilfsgüter abgeben wollen. Trotzdem bleiben wir eine ganze Weile hier. Gegen sechs kommen mehrere kleine Busse, voll mit Menschen. Es steigen Frauen, Kinder und Jugendliche aus. Sie sind gerade ein paar Meter entfernt über die Grenze geflohen. Von Männern fehlt jede Spur. Ich bin erstaunt, wie gut alles organisiert ist. Schnell kriegen die Neuankömmlinge das, was sie brauchen: Wasser, heißen Tee, Powerbanks für ihre Handys, Klamotten, Decken und Hygieneartikel.

Knapp eine Stunde Schlaf und dann der erlösende Anruf

Trotzdem müssen wir uns ausruhen. Auch wir haben einen anstrengenden Tag vor uns. Statt in einem Hotel, schlafen wir im Auto an einer Tankstelle. Mittlerweile ist es hell, aber wir versuchen alle zumindest kurz die Augen zuzumachen. Als ich wach werde, ist der erste LKW an der Tankstelle angekommen. Evgenij ist schon auf den Beinen. Ich bin mir nicht sicher, ob er in den letzten 24 Stunden überhaupt geschlafen hat. Er ist aufgeregt und telefoniert. Seine Eltern haben es inzwischen mit dem Zug bis nach Lwiw (zu deutsch Lemberg) geschafft. Von dort sind es nur knapp 70 Kilometer zur polnischen Grenze. Die sollen sie jetzt mit dem Auto fahren, alles organisiert von Kontaktmännern in der Ukraine.

Wir überlegen: Soll Evgenij sofort los zum Grenzposten? Oder laden wir erst gemeinsam die Hilfsgüter des einen LKWs aus. Mein Gehirn funktioniert noch nicht so richtig und es ist ziemlich kalt. Aber wir entscheiden uns, mit dem LKW zu fahren. Um halb neun müssen wir die Müdigkeit und die Kälte abschütteln. Jetzt ist Anpacken angesagt. Lauter Jugendliche aus Polen sind extra an die Grenze gereist, um freiwillig beim Sortieren der Kisten zu helfen. Es ist beeindruckend, wie hier alle zusammenhalten. Aber nach knapp einer halben Stunde kommt erneut ein Anruf: Evgenij muss jetzt sofort los!

An der Grenze in Medyka erschlagen mich die Eindrücke

Jetzt muss alles ganz schnell gehen: Wir rasen mit den Autos anderthalb Stunden Richtung Medyka. Irgendwo hier sollen Evgenijs Eltern gleich sein. Wir wissen nicht, ob sie es schon über die Grenze geschafft haben oder nicht, ob sie in einem Camp oder schon unten in der Stadt sind. Evgenij ist kaum mehr ansprechbar. Ich glaube er funktioniert im Autopilot. Er telefoniert immer wieder, ruft seine Mutter an und fragt sich bei Passanten durch. Dann sind wir wohl richtig: Lauter Autos parken am Straßenrand. Ein Polizist bewacht eine schmale Straße nach oben. Ob da die Grenze ist? Evgenij rennt einfach drauf los. Ich versuche irgendwie hinterher zukommen, während die Eindrücke mich von rechts und links erschlagen. Überall stehen Busse, Menschen ziehen kleine Koffer hinter sich her, es dampft weil hier und da kleine Feuer brennen. Plötzlich ist mir klar: das ist also die Grenze! Das sind die Menschen, die gerade ihre Heimat verlassen haben, um irgendwie vorm Krieg sicher zu sein.

Wiedersehen an vorderster Front

Aber ich bin wegen Evgenij hier! Wir laufen bis nach ganz oben, überall sind plötzlich Reporter und Kamerateams, sowie Polizisten und der Grenzschutz. Aber von den Eltern fehlt bisher jede Spur. Evgenij und ich reden lange kein Wort. Er versucht so nah wie möglich an die Grenze zu kommen, bis ihn ein Soldat forsch wegschickt! Er muss warten und darf sich der Ukraine keinen Schritt nähern. Er sagt: „Wir müssen sie finden!“ Plötzlich taucht in unserem Sichtfeld eine blaue Jacke auf und Evgenij winkt: „Das sind sie. Da sind meine Eltern!“ Seine Mama Lubov kommt mit Tränen in den Augen auf ihn zu gelaufen. Ich glaube eine längere und intensivere Umarmung habe ich noch nie gesehen. Die Reporter stürzen sich auf das emotionale Bild an vorderster Front. Dann drückt Evgenij seinen Papa. Ein halbes Jahr haben sie sich alle nicht gesehen. Tagelang haben sie um ihr Leben gebangt. Doch jetzt sind sie in Sicherheit und endlich wieder zusammen!

Evgenij Voznyuk schließt Eltern nach Flucht in die Arme

Das gesamte Leben gepackt in einen Koffer

Wir machen uns zurück auf den Weg zum Auto. Evgenjis Eltern haben ihr Zuhause, ihre Wohnung in Charkiw, zurückgelassen. Alles was sie von ihrem alten Leben dabei haben passt in wenige Tasche und zwei kleine Koffer. Plötzlich schießen mir die Tränen in die Augen. Die anderen Menschen hier hinter der Grenze haben zum größten Teil keine Familie, die sie abholt. Sie wissen nicht, wie es für sie jetzt weitergeht und wo sie hinkommen. Die meisten mussten ihre Männer, Väter und Söhne im Land lassen. Wie würde ich mich fühlen? Dann höre ich Musik. Es klingt wie der Homesick Blues der Ukrainer. Ein Mädchen und ein Junge sitzen direkt am Flüchtlingscamp. Sie singt und er spielt Gitarre. Waren sie auf dem Weg nach oben auch schon da?

Die Eltern haben sich im Keller vor den Bomben versteckt

Aber meine Arbeit holt mich zurück: Ich muss bei Evgenijs Familie bleiben. Sie sind froh, endlich zusammen in Sicherheit zu sein. Aber es ist nicht zu übersehen: das Leid, die Tortour der Flucht und die Anstrengung. Das was sie in der Ukraine erleben mussten, hat sie sichtlich gezeichnet. Sein Vater Volodimyr sagt nur: „It was terrible, terrible, and once more terrible!“ Selten habe ich in so müde und traurige Augen geblickt. Er ist 70 und seine Frau 58. Sie sind jetzt schon über 30 Stunden auf der Flucht. 17 davon in einem überfüllten Zug von Charkiw nach Lwiw. Danach einige Kilometer im Auto, bis zum Stau an der Grenze. Weil sich nichts mehr bewegt hat, haben sie kurzerhand ihre Koffer genommen und sind die letzten fünf Kilometer mit Gepäck gelaufen. Sie sind einerseits erleichtert, aber auch wahnsinnig mitgenommen – „mixed feelings“ sagt Evgenijs Papa.

Szenen der Unmenschlichkeit in unserer Unterkunft

Wir wollen uns jetzt erholen, bevor wir morgen nach Deutschland zurück fahren. Alle Unterkünfte im Umkreis sind überfüllt. Wir müssen wieder eine Stunde fahren, damit wir überhaupt genügend Betten finden. Wir müssen uns aufteilen: Evgenji schläft mit seinen Eltern wo anders als wir. In unserer Unterkunft treffen wir auf Freiwillige Helfer aus Hagen. Sie sind mit einem Bus gekommen, um so viele Menschen wie möglich mit nach Deutschland zu nehmen. Die Hotellobby ist voll! Enna, so heißt das kleinste Mädchen, das ich heute kennenlernen werde. Sie ist wahrscheinlich nicht mal ein Jahr alt und schon mit ihrer Mutter auf der Flucht. Minütlich kommen mehr Menschen. Eine alte Frau mit zwei Katzen und einem Hund. Die Helfer sagen sie sei dement. Ich beobachte sie: Sie kann kaum mehr aufrecht sitzen. Aber ihre Tochter ist auch hier. Ich frage mich unweigerlich wie würde ich mich fühlen, wenn sie meine Mutter wäre.

Trotz der Müdigkeit kann ich nicht schlafen. Mein Kameramann und ich sitzen lange wach, reden mit den Freiwilligen. Dann um kurz vor 22 Uhr bricht plötzlich Trubel aus. Der Hotelbesitzer schmeißt die Geflüchteten raus. Die humanitäre Hilfe sei nicht angemeldet. Sie alle müssen jetzt bei Minusgraden vor die Tür. Die Helfer versuchen alles, bitten um nur wenige Stunden mehr Zeit, denn sie warten noch auf fünf Angehörige, die es noch nicht über die Grenze geschafft haben. Aber es hilft alles nichts: Sie müssen den Geflüchteten jetzt erklären, wieso sie die nächsten Stunden nun draußen im Bus ausharren müssen, bevor sie den Weg nach Deutschland antreten. Ich kann das einfach nicht glauben. Ich denke an die ältere Frau und die vielen Kinder. Ich gehe weinend ins Bett.

Überall um uns herum sind ukrainische Autos

Morgens um neun brechen wir an unserer Unterkunft auf. Ich möchte noch ein Interview mit Evgenijs Papa machen. Er sagt nur, dass sie immer noch unfassbar müde sind und er gerade nichts sagen will, seiner Frau ginge es nicht so gut.

Wir haben circa dreizehn Stunden Fahrt vor uns. Es ist komisch hier einfach wieder wegzufahren, das Kriegsgebiet wieder weit hinter sich zu lassen. Aber auf unserem Weg werden wir begleitet: Überall sind ukrainische Autos. Ich google die Kennzeichen: Die meisten kommen aus Kiew. An einer Mautstation staut sich der Verkehr. Neben mir in einem Auto ist ein kleines Baby an der Scheibe, es winkt und freut sich immer wieder, wenn wir vorbei fahren. Ich glaube ihr Papa sitzt am Steuer, auch er winkt mir zu, als ich den Moment mit der Handykamera festhalte. Laut Kennzeichen kommt die Familie aus der Region Oblast Poltawa – zwischen Kiew und Charkiw.

Wir machen noch einmal Rast in Polen, circa eine Stunde vor der deutschen Grenze. Inzwischen geht es Evgenijs Mutter wieder besser. Wir bestellen Pommes bei McDonalds, überall sind Ukrainer. Ein Mädchen mit einer Katze sitzt direkt neben den Bestellautomaten. Ich rede mit Evgenijs Eltern nochmal über das, was sie erlebt haben. Sie zeigen mir Fotos aus dem Zug, erklären mir, wie sie nachts los sind und dass sie niemals von Zuhause weggegangen wären, wenn sie nicht gewusst hätten, dass ihr Sohn sie abholt. Mein Herz wird warm, als mir sein Vater sagt: „Meine Frau sagt, sie mag dich sehr gerne.“ Sie sagt: „I love you!“ und lächelt mich mit viel Liebe an.

Endlich deutschen Boden unter den Füßen

Um 16:50 Uhr fahren wir über die deutsche Grenze. Wir sind jetzt in dem Land, in dem die Familie ab jetzt leben wird. Wir machen nur noch einen einzigen Stopp an einer Raststätte, um uns zu verabschieden. Die letzten Kilometer nach Hause wollen Evgenij und seine Eltern alleine fahren. Ich habe meine Jacke im Auto vergessen, deshalb kuschelt mich Evgenijs Mama mit in ihre. Mama ist und bleibt eben Mama. Irgendwie sind wir uns plötzlich ganz nah. Sie bedanken sich, dass wir dabei waren, dass wir geholfen haben und dass wir auf uns aufpassen sollen. Der Abschied fällt mir schwer, aber ich bin froh, dass diese tollen Menschen in Sicherheit sind und dass alles geklappt hat. Eine Familie mehr, die der Krieg nicht zerreißen konnte. Wir drücken uns alle noch einmal fest und dann trennen sich unsere Wege.

"Plötzlich ist nichts mehr aufregend"

Jetzt bin ich seit einem Tag wieder in Deutschland. Es fühlt sich unreal an hier zu sein. Ich erzähle einem Freund, dass ich Angst habe, dass mich die alltäglichen, banalen Sorgen hier wieder einholen, während andere Menschen gerade nicht wissen, ob sie den morgigen Tag überhaupt noch erleben. Ob die Bomben ihr Zuhause zerstören und ob sie jemals wieder ihre Heimat sehen werden. „Plötzlich ist nichts mehr aufregend“, sage ich. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis ich überhaupt begreife, wo ich die letzten drei Tage war, das spüre ich. Ich schreibe kurz mit Evgenij über WhatsApp. Er sagt alle haben ausgeschlafen und es gehe der ganzen Familie gut. Sie müssen sich jetzt aber erst einmal einfinden. Ich bin erleichtert, aber die Szenen von der Grenze zum Krieg bekommt man nicht einfach aus dem Kopf.

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