Wenn die Tochter ein Sohn ist: "Einer wie Erika"

Berlin (dpa) – Kärnten, Ende der 60er Jahre. Ein Porsche fegt über Landstraßen und hält vor einem Bauernhof. “Grüß Dich, Papa – ich bin jetzt der Erik”, sagt der Sohn zum Vater, der ihn frostig empfängt.

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Was es damit auf sich hat: Seit der Geburt 1948 galt Erik als das Mädchen Erika (Markus Freistätter). Das Drama “Einer wie Erika” am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten erzählt eine wahre Geschichte.

Der Vater (Gerhard Liebmann) wollte einen Sohn, die Mutter (Birgit Melcher) einfach ein gesundes Kind. Das Kind entwickelt sich zu einem Wildfang, interessiert sich mehr für das Innenleben eines Traktors als für Puppen oder Kleider und spürt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Da niemandem etwas auffällt oder auffallen will, wird Erika eine begeisterte Skifahrerin, ins österreichische Nationalteam aufgenommen und Weltmeisterin im Slalom (1966).

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Unmittelbar vor den den Olympischen Winterspielen in Grenoble 1968 erfolgt ein sogenannter “Sex-Test”, die Auswertung der Chromosomen ist klar: Erik (19) ist eindeutig männlich. Jetzt beginnen Jahre der Tortur, äußerlich wie innerlich. Erik wird von skrupellosen Funktionären des Skiverbandes entlassen und genötigt, auf die Olympia-Teilnahme zu verzichten. Außerdem soll er sich mit einer “völlig unkomplizierten” Operation samt Hormonkur zur (dann aber gebärunfähigen) Frau machen lassen, in einem katholischen Spital.

Im Spital stehen ihm allein Schwester Sigberta (Marianne Sägebrecht) und Dr. Kübler (Harald Schrott) zur Seite. Erik nimmt schließlich allen Mut zusammen und lässt sich ganz zum Mann operieren.

Der Autor Dirk Kämper (“Kaisersturz”) und Regisseur Reinhold Bilgeri (70, “Landkrimi – Alles Fleisch ist Gras”) haben diesen eindrucksvollen und bewegenden Film sehr einfühlsam inszeniert. Markus Freistätter (30, “Ein Dorf wehrt sich”) bietet die grandiose Vorstellung eines Menschen, der lange um seine wahre Identität ringt.

Die Zumutungen seitens der Gesellschaft für Erik sind unfassbar – Familie, Freunde, Kollegen, Funktionäre lassen ihn allein und wenden sich ab. Als sei er verantwortlich für die Laune der Natur. Es hätte viel früher bemerkt werden können, dass bei ihm die männlichen Geschlechtsteile vorhanden waren – aber eben nach innen gewachsen.

Der Film zeigt auch dokumentarische Szenen, bildet aber vor allem eine teils verunsicherte und hilflose, teils zutiefst scheinheilige und intolerante Gesellschaft ab. Und er erzählt die anrührende Geschichte einer persönlichen Befreiung.

Erik Schinegger (heute 72) durfte auch als Mann an keinem Skiwettbewerb mehr teilnehmen, hat später eine Kinderskischule gegründet, geheiratet und ist Vater einer Tochter. Er hat um und für sich gekämpft, ohne traumatisiert oder verbittert zu werden. Das Thema Geschlechtsidentität ist heute aktueller denn je, doch die Akzeptanz für derart geprüfte Menschen ist eine andere – zum Glück.

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