"Es war ein ziemlicher Druck für mich"

„Und bitte!“, dieser Ausruf ertönte beim Dreh zur Romanverfilmung von „Gut gegen Nordwind“ immer und immer wieder. t-online.de besuchte das Team am Set und sprach mit Nora Tschirner über ihre wohl schwierigste Rolle. 

Ausnahmezustand in einem Restaurant in Köln. Hier wird ein Film gedreht. Nicht irgendein Film – es ist die Geschichte, die vor 13 Jahren Millionen Leser beschäftigt hat. Hier wird nämlich „Gut gegen Nordwind“ gedreht. 2006 feierte Autor David Glattauer mit der Geschichte von Leo und Emmi Erfolge, jetzt bekommen seine Romanfiguren ein Gesicht. 

Bei Hauptfigur Emmi ist es das von Nora Tschirner. t-online.de trifft die Schauspielerin zwischen Drehszenen, zwischen Maskenbildnern, zwischen Statisten, zwischen Schauspielern und der Regisseurin. Sogar Autor Daniel Glattauer ist an diesem heißen Tag im März 2018 da.

Nora Tschirner ist bei der Szene nicht dabei. Sie kommt erst später dazu und ist kaum zu übersehen. Die 38-Jährige trägt einen hellen Sommermantel, ist kaum geschminkt und fällt mit etwas anderem auf. Wo sie steht, wird gelacht. Oft ist es ihre eigene Lache, die über Meter hinweg durch den Raum hallt. Sie wirkt gut gelaunt und unglaublich entspannt. Für unser Interview suchen wir uns eine ruhige Ecke, Tschirner trinkt Cappuccino und raucht. Eine Agentin gibt uns eine Zeitangabe. 20 Minuten darf das Interview dauern, dann ist Schluss. „Na ja, wir machen erstmal und dann sehen wir, wir lange wir brauchen. Alles entspannt“, meint Tschirner hingegen. So wünscht man sich seine Gesprächspartner. 

t-online.de: Frau Tschirner, was verbindet Sie mit dem Roman „Gut gegen Norwind“ und Daniel Glattauer?

Nora Tschirner: Ich bin in der ersten Minute zu ihm hin und habe ihm mein komplettes Fan-Girl-Dasein eröffnet. Ich bin ein großer Fan von dem Buch. Ich lese nicht viel Fiktionales, ich bin eher ein Sachbuchfan. Aber als ich diese Geschichte damals gelesen habe, hat es mich gepackt. Ich habe es sogar zweimal gelesen, was mir sehr selten passiert. Normalerweise lese ich etwas und dann verschwindet es. Aber Daniel Glattauer zieht von Umzug zu Umzug mit. Seine Bücher und die von Wolf Haas sind die einzigen Romane, die ich mitschleppe.

Wie sieht Ihr Bücherregal aus?

Ich bin eigentlich eine ziemliche Minimalistin, was das Bücherregal betrifft. Ich lese zwar viel, habe aber irgendwann angefangen, radikal mein Bücherregal auszusortieren, weil ich sonst das Gefühl habe, von dieser Wand erschlagen zu werden und lese dann eher weniger als mehr. Aber seins muss immer da sein, weil ich gute Laune und freundschaftliche Gefühle kriege, wenn ich den Namen Daniel Glattauer in meinem Regal sehe.

Wenn Sie so begeistert von dem Roman waren, wie schwierig war es dann, die Rolle zu spielen? 

Es war am Anfang wirklich ein ziemlicher Druck für mich, weil ich überhaupt nicht wusste, inwiefern der Autor überhaupt eingeweiht ist in die Verfilmung und wie er das alles so findet. Es gibt ja viele Beispiele von Autoren, die mit den Filmen zu ihren Büchern nicht besonders glücklich sind. Das schlimmste Szenario, das man sich dabei vorstellen kann, ist wohl Michael Ende mit seiner scharfen Distanzierung von der „Die unendliche Geschichte“-Verfilmung. Da wurde sich ja komplett losgesagt vom Roman. Emmi und Leo sind natürlich ein ziemlicher Auftrag. So viele Menschen haben das gelesen. 

Also waren Sie skeptisch bezüglich der Verfilmung an sich? 

Bevor ich überhaupt ans Mitspielen denken konnte, habe ich als Fanclub-Mitglied zu allererst mal die Frage gestellt, ob ich das denn überhaupt grundsätzlich erlaube (lacht). Aber als ich das Drehbuch gelesen hatte, war ich emotional genauso durchgematscht wie bei den Büchern. Und dann habe ich erstmal realisiert, dass ich jetzt die Emmi spielen soll. Das grenzt ja schon an Majestätsbeleidigung, dass die überhaupt jemand spielen soll. 

Und dann kam der Druck?

Ja. In den ersten Drehtagen war es wirklich schlimm. Erst später habe ich dann mitbekommen, wie der Autor zu dem Ganzen steht und dass er gut findet, dass wir alle das zusammen machen. Das habe ich echt selten, dass ich vorher schon so nervös war.

Inwiefern war es von Vorteil, dass Sie und Ihr Filmpartner sich lange kennen und sogar schon ein Paar waren?

Mega von Vorteil. Ich bin eigentlich nicht so ein Fan davon, über bestimmte Sachen zu reden, aber hier muss ich dann mal. Alex und ich sind seit sehr vielen Jahren sehr gut befreundet. Wir sind sehr viel länger befreundet, als wir ein Paar waren. Zu wissen, dass Alex auch bei dem Film dabei sein wird, war für mich wahnsinnig wichtig. Wir sind sehr verbunden und sehr vertraut. Wir wissen ganz viel übereinander und können uns vertrauen. Ich schätze Alex extrem für die Qualität, die er abliefert und die er sucht. Wir sind uns sehr ähnlich in der Haltung zu den Sachen, die wir machen. Ich konnte ihn mir sehr gut vorstellen als Leo, weil er ein extrem guter Schauspieler ist. Wenn wir uns am Set begegnet sind, war das ein Gefühl von Sicherheit.

Alexander Fehling und Nora Tschirner: Zusammen spielen sie im Film „Gut gegen Nordwind“ mit.(Quelle: imago images / Future Image)

Hatten Sie das Gefühl, die Rolle passt zu Ihnen?

Ich glaube, ich war zu sehr damit beschäftigt, die Rolle an mich zu reißen, beim Casting, haha. Ich habe gedacht, das ist meine Emmi, die darf niemand anderes spielen. Ich habe mich dafür verantwortlich gefühlt. Aber im Ernst: Ich hatte schon auch das Gefühl, das könnte gut klappen zwischen Emmi und mir. Es passte sowieso vieles, auch die Zusammenarbeit mit Vanessa (Anm. d. Red.: Vanessa Jopp, Regisseurin des Films). Wenn ich zu einem Casting gehe, caste ich auch immer zurück. Ich gucke mir auch immer an, mit wem ich da arbeiten soll. 

Und wie war Ihr Eindruck?

Ich war wahnsinnig begeistert von Vanessa, ich habe gemerkt, dass ich da eine starke Partnerin habe. Ich wusste, dass ich es kann, aber es schon wirklich ein komplexes Ding ist. Es war für alle Abteilungen ein krasses Ding. Erstmal denkt man, okay, es sind zwei Leute, die sich E-Mails schreiben, was soll da schon schiefgehen. Aber das Ganze ist so ein Brainfuck, es ist wirklich irre. Es ging in alle Abteilungen, die Maske hat jeden Tag ihre Meinung geändert, die waren vollkommen aufgebracht. Alle waren emotional dabei, das ging auch über in Teams, wo das nicht selbstverständlich ist. Die Magie, die das Buch als Roman hat, war auch als Drehbuch spürbar. Dass die ganze Teamatmosphäre beeinflusst wird, ist wirklich selten. Ich hoffe, dass ich durch mein Gesicht auf dem Plakat die Leute nicht in die Irre führe. Es ist keine Romantic Comedy, es ist ein toller Liebesfilm, der romantisch, emotional und melancholisch ist. Das war bezaubernd, durch diese Welt zu gehen.

Denken Sie, Ihr Gesicht ist vorbelastet?

Ich habe das Gefühl, dass Leute mich sehr schnell mit Romantic Comedy assoziieren. Mein eigenes Gefühl ist ein ganz anderes, weil sowas wie „Keinohrhasen“ trotzdem auch emotionale Welten waren. Im Ausland werde ich sehr oft für melancholische Rollen besetzt. Aber in Deutschland ist es schon so, dass die Leute denken: Ach, Nora Tschirner spielt mit, dann wird es bestimmt witzig. Witzig wird es allerdings nicht, es ist eine sehr ernste und schwere Geschichte. Es ist jetzt nicht, Kira Dorn verliebt sich und schreibt witzige Sachen.

Die Figuren im Buch lernen sich per Mail kennen, was halten Sie davon?

Ich glaube, dass es einen großen Sog hat, jemanden so kennenzulernen. Mir ist klar, was daran funktioniert. Es ist ein Raum, indem alles möglich ist. Alles, was man sich wünschen könnte, ist möglich in diesem virtuellen Raum, der nie konkret wird. Das ist für mich daran auch das Spannende. Bei aller Romantik bleibt die Frage immer, was passiert, wenn die sich jetzt sehen. Mit unterschiedlichem Alter sieht man das auch anders. Wenn man älter ist, versteht man verschiedene Ebenen daran und wie viel davon einfach eigene Wünsche sind, die auf jemand anderen projektiert werden. Es ist sprachlich so virtuos geschrieben, es hat eine Musik. Auch das Drehbuch hat einen Rhythmus. Wenn du Sachen manchmal sprachlich eingekürzt hast, hat es geholpert, und man musste es noch mal ändern. Es ist wahnsinnig schlau und klug. Es ist sehr witzig. Die Österreicher halt, die sind immer eine Nasenlänge vorne.

Warum sind Sie so begeistert von dem Buch?

Es ist eine universelle Liebesgeschichte und hat die gleiche Energie, wie wenn du dir die größten Liebesbriefe der Geschichte durchliest, wie etwa Goethe und Charlotte Stein. Das sind Menschen, die irgendwann sich nicht sicher sind, ob sie in dem Konstrukt glücklich sind und an Lebenswegkreuzungen stehen und anfangen, mit sich zu verhandeln. Das gab es immer und wird es vermutlich auch immer geben. Es ist schön, dass wir in einem Land leben, in dem die Moral nicht mehr das größte Problem daran ist.

Vielen Dank für das Interview, Nora Tschirner. 

„Gut gegen Nordwind“ startet am 12. September in den Kinos. 

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