An der ausgestreckten Hand verhungern
22nd Mai 2020
| 14 views

Der Freistaat hat einen Rettungsschirm für Künstler angekündigt. Tatsächlich lässt er sie aber im Regen stehen. Ein Betroffener schildert die Widersprüche

Der Schlagzeuger arbeitet seit über 20 Jahren als professioneller Musiker. In dieser Zeit hat er mehr als 1000 Auftritte gespielt, hunderten Schülern in seiner Musikschule in Wasserburg ihr Instrument beigebracht, pünktlich seine Steuern und Beiträge gezahlt, sich um seine gesetzliche und private Altersvorsorge gekümmert, zwei Kinder groß gezogen, seine Einkünfte breiter aufgestellt und sich um seine schwerkranke Mutter gekümmert. Die Coronakrise hat seine Einkünfte wegfallen lassen. Und die groß angekündigte Hilfe des Freistaats erweist sich – bislang – als kleiner wie erwartet.

AZ: Herr Enthammer, wie haben Sie Ihr Geld verdient, bevor das Virus kam?
JOCHEN ENTHAMMER: Ich bin Schlagzeuger. Mein zweites Standbein ist der Musikunterricht. Das macht ungefähr 30 Prozent meiner Einkünfte aus. Der Rest kommt über das Live-Spielen bei Konzerten, Tanzveranstaltungen und Hochzeiten. Ich springe auch kurzfristig ein, wenn ein Schlagzeuger gebraucht wird und spiele regelmäßig auf der Wiesn.

Sie haben wie viele Musiker Ihre Einkünfte breiter aufgestellt, um nicht allein von Auftritten abhängig zu sein.
Der Musikunterricht ist seit letzter Woche wieder möglich. Wir haben uns seit Mitte März mit Online-Angeboten über Wasser gehalten. Wir hatten nur wenige Kündigungen, aber es kommen auch keine neuen Schüler dazu. Es hätte also keinen Sinn, sich mehr auf das Unterrichten zu verlegen, weil sich derzeit kaum jemand neu anmeldet. Außerdem gibt es ein Überangebot, weil sich viele Kollegen, die noch mehr von Auftritten abhängen, nun unterrichten wollen.

Ihre Musikschule hat aber trotzdem laufende Kosten.
Wir haben Räume von der Stadt Wasserburg gemietet. Die Miete wird uns bis Jahresende gestundet. Das war die einzige effektive Hilfe, die wir erhalten haben.

Aufgetreten sind Sie seit März gar nicht mehr.
Alle meine Engagements bis Ende November sind weg. Ich habe im Jahr etwa 80 Auftritte. Die haben alle einen bestimmten Vorlauf. Ich fürchte auch, dass Firmenfeiern stark zurückgehen werden. Wer Leute in Kurzarbeit schickt oder entlassen musste, feiert nicht. Das war auch 2008 nach der Finanzkrise so. Und die Erholung danach dauert nach meiner Erfahrung auch eine gewisse Zeit. Und ich fürchte, dass es auch 2021 noch nicht normal weitergehen wird.

Ihre Lebensgefährtin Vera Klima ist Sängerin und Songwriterin.
Sie lebt noch mehr von Auftritten als ich. Sie verdient vielleicht zehn Prozent Ihrer Einkünfte durch Unterricht. Außerdem ist sie schwanger. Leider bemisst sich das Mutterschaftsgeld aus dem Verdienst der letzten 12 Monate Berufstätigkeit. Das ist am Anfang des Jahres stark nach unten gegangen. Es trifft sie also doppelt. Sie hat in dieser Sache auch schon an die Familienministerin Franziska Giffey geschrieben und vorgeschlagen, die Höhe des Mutterschaftgeldes von der letzten Steuererklärung abhängig zu machen. Aber bisher kam keine Antwort.

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel